ANTIZIGANISTISCHE ZUSTÄNDE

Veranstaltungsreihe zu Geschichte und Gegenwart der Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma
Alle Veranstaltuntungen finden jeweils um 19.30 Uhr im Infoladen Benario statt!

Nach wie vor ist Antiziganismus eine der am weitesten verbreiteten Formen der Diskriminierung und Verfolgung in Europa. Während Antisemitismus in weiten Teilen der Bevölkerung zumindest geächtet ist, werden Vorurteile gegen Sinti und Roma nicht reflektiert und kritisiert. Die Problematisierung der Arbeitsmigration aus Osteuropa befeuert diese Stimmung. So bediente sich jüngst der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung dem Stigma von lärmenden Sinti und Roma, die nach Deutschland kommen, um Sozialleistungen zu erschleichen. Damit reiht er sich in die nicht enden wollenden Liste von Politiker*innen ein, die ,Zigeuner‘-Stereotype öffentlich reproduzieren.

In der Veranstaltungsreihe Antiziganistische Zustände wollen wir uns dem Komplex in vier Vorträgen nähern. Neben ihren jeweiligen Fragestellungen, stellen die Referent*innen immer auch einen Bezug zu aktuellen, antiziganistisch aufgeladenen Debatten her, wie sie regional und überregional um sich greifen. Roswitha Scholz eröffnet die Reihe mit einer Einordnung antiziganistischer Vorurteile in den gesellschaftlich-kapitalistischen Kontext. Ulrich Schlee wirft anschließend einen Blick auf die Verfolgungsgeschichte von Roma und Sinti in Bayern und der Region. Die Brücke zur heutigen Situation schlagen die folgenden Vorträge. So skizziert Silas Kropf den Alltag antiziganistischer Diskriminierung. Abschließend wirft Thomas Heilig einen kritischen Blick auf Polizeipraktiken und zeigt auf, wie diese historisch und aktuell von antiziganistischen Denkweisen geprägt sind — Beginn jeweils um 19:30 im Infoladen Benario, Nürnberger Str. 82, Fürth

25 01 Roswitha Scholz
Antiziganismus und Kapitalismus

Das Phänomen des Antiziganismus ist in europäischen Gesellschaften und in alltäglichen Ressentiments bis hin zu konkreten Angriffen weit verbreitet. In nahezu allen Staaten Europas werden Menschen auch nach dem Nationalsozialismus als „Zigeuner“ diskriminiert und verfolgt. Der Rechtsruck der letzten Jahre hat diese Situation noch verschlimmert. Anliegen des Vortrag ist es – über die moralische Empörung hinaus – den Antiziganismus analytisch zu begreifen und seine Ursachen aufzuspüren, seine Funktion im Kapitalismus, in dessen Zentrum die Arbeit steht, darzulegen und das historische und aktuelle Bewusstsein hinsichtlich des Antiziganismus zu schärfen.

22 02 Ulrich Schlee
Geschichte des Antiziganismus

Der Nationalsozialismus verwirklichte das eliminatorische Potential des Antiziganismus: Die seit langem bestehende Diffamierung und Diskriminierung der Sinti und Roma wurden unter seiner Herrschaft zum Völkermord radikalisiert. Der Vortrag wird die Vorgeschichte dieser Radikalisierung, die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und den skandalösen Umgang mit den Überlebenden im Deutschland in den Nachkriegsjahrzehnten schildern – und dabei auch immer einen Blick auf die Region und Bayern werfen.

15 03 Silas Kropf
Alltag unter dem Druck antiziganistischer Vorurteile

Antiziganismus ist nicht nur in der deutschen Gesellschaft tief verwurzelt und von jahrhundertelanger Tradierung geprägt. Auch heute ist über die Hälfte der Gesellschaft ablehnend gegenüber der Minderheit der Sinti und Roma eingestellt. Die Mitglieder der Minderheit sind in ihrem Alltag permanent mit negativen Einstellungen konfrontiert und einem Rechtfertigungszwang ausgesetzt. Während des Vortrags wollen wir gemeinsam einen Blick in die vielfältigen Lebensrealitäten werfen und überlegen, wie dem Alltagsantiziganismus proaktiv entgegengewirkt werden kann.

05 04 Thomas Heilig
Polizei und Antiziganismus

Schon seit dem 18. Jahrhundert fungiert der Zigeunerbegriff als polizeiliche Ordnungs- und Ermittlungskategorie. In Bayern markiert ein 1899 errichteter Nachrichtendienst den Beginn der antiziganistisch motivierten systematischen Personenerfassung, die eine der Grundlagen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik darstellte. Mit der Weiterführung der Sondererfassung von Sinti und Roma durch die Polizeibehörden unmittelbar nach Kriegsende geht auch die Kontinuität rassistischen Polizeihandelns einher. Der Vortrag behandelt die Geschichte und Gegenwart antiziganistischer Polizeipraxis mit Blick auf regionale Vorkommnisse.